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Festvortrag zum Jubiläum

20jähriges Jubiläum Edith-Stein-Haus Parchim

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Festvortrag von Frau Prof. Wulf zum 20jährigen Jubiläum

Der vollständige Festvortrag als PDF-Datei (Alle Rechte bei der Verfasserin C. M. Wulf)

Das Edith-Stein-Haus verdankt seinen Namen der Philosophin Edith Stein. Nachdem sie mit 14 Jahren sich vom Glauben der Väter verabschiedet hatte, brachte eine philosophische und existentielle Wahrheitssuche sie auf die Spur des christlichen Glaubens. Teresa von Avila bezeugt in ihrer Autobiographie, dass die Wahrheit eine Person ist, die man nur liebend begreifen kann und die den Menschen in seiner Würde bestätigt und zum Leben befreit.

Diese Lebenserfahrungen verdichten sich im Werk Edith Steins zu einem Menschenbild, das geprägt ist von den Grundwerten des Lebens, der Freiheit, der Wahrheit und der Liebe. Leben gestaltet sich aus der Tiefe der Person heraus, es braucht Freiraum, um sich zu entfalten. Leben vollzieht sich nach bestimmten Gesetzmässigkeiten und muss durch Grenzen geschützt werden. Schon das sind Wahrheiten – an Wahrheit will der Geist sich orientieren. „Durch den Besitz der Wahrheit, durch die wir alle Güter kennen, werden wir glücklich und frei. Dies ist unsere Freiheit, wenn wir der Wahrheit unterworfen sind.“ Dieses paradoxe Verhältnis von Wahrheit und Freiheit durchzieht das Werk Edith Steins; es lässt uns den zentralen Wert erahnen: den einzelnen Menschen und seine Individualität: „Einen Menschen lieben heisst auf seinen personalen Wert antworten und an diesem Wert Anteil gewinnen, darüber hinaus: ihn zu hüten und zu bewahren.“ Aus dieser Erkenntnis lässt sich ein zentrales Bildungsziel herauskristallisieren: Bildung ist die Formung eines Menschen in allem, was ihn ausmacht: in Freiheit und Geistigkeit, mit seiner Lebenskraft und seiner individuellen Eigenart, mit seiner Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen und zu lieben – in seinen seelischen und körperlichen Kräften.

Doch das Leben bringt Brüche mit sich, wenn das Leben in die Hände und die Willkür des Menschen gelegt wird, wenn die Freiheit sich absolut setzt und rücksichtslos wird, wenn die Liebe ihr Gegenüber ausnutzt und die Wahrheit in der Informationsfülle untergeht. Brüche verursachen Wunden, die Versöhnung nötig machen. Der Schuldige und sein Opfer müssen sich der Wahrheit stellen, dass etwas zerbrochen ist, dass der eine die Freiheit missbraucht und der andere in der Freiheit begrenzt wurde, dass die Liebe verletzt wurde und damit Leben zerbrach. Versöhnung ist komplex; sie macht aber ein neues Leben möglich. Die Erziehung zur Versöhnung stellt also ein zweites Bildungsziel dar, das aktueller ist als je zuvor. Edith Stein lebte diese Versöhnung vor, indem sie ihre eigene Lebenshingabe, noch bevor sie der grausame Tod in Auschwitz ereilte, als Versöhnungsgabe deutete: für die Unversöhnlichkeit des deutschen Volkes und die noch ausstehende Messiasankunft im jüdischen Volk. Beiden Völkern gehörte sie an – und vielleicht ist das die tiefste Versöhnung, dass jeder Mensch in sich zur Einheit bringt, was ihn zu zerreissen droht.

Mit den beiden Bildungszielen, Entfaltung des Menschseins und umfassende Versöhnung, die die Referentin, die Theologin und Philosophin Mariéle Wulf, dem Bildungshaus zum Jubiläum ins Stammbuch schrieb, ist dieser Einrichtung auch für die nächste Dekade eine umfangreiche Aufgabe sicher.